Gibt es Zukunft ohne Kindheit?

Reportage Text von Manon Querouil Fotos (haben wir nicht veröffentlicht) sind von Veronique de Viguerie/ Reportage by Getty Images, abgedruckt in der Wienerin Nr 262 im Juli 2011

Gibt es Zukunft ohne Kindheit?

Am 9.Juli 2011 soll der Südsudan unabhängig werden. Doch die junge Nation trägt Narben - sichtbar in den gesichtern derer, die vonn der grausamsten Rebellenarmee der Welt als Kindersoldaten oder Sexsklavinnen gehalten wurden. Und der Weg zurück ins Leben führt über das Minenfeld der Erinnerung.

Es war ein Abend im Jänner 2008. Doch Keiji sieht alles noch vor sich, als wäre es erst gestern geschehen: Sie ist vierzehn und allein zu Hause, als wie aus dem Nichts bewaffnete Männer auftauechen, auf sie einprügeln, ihr die Hände fesseln und sie in den dunklen Wald schleppen, der ihr Heimatdorf umgibt. Wochenlang wird Keiji durch den Busch getrieben, bis in den Kongo, wo die Entführer ihren Rückzugsposten haben: die Schlächter der l'armee de Resistance du Seigneur - der Widerstandsarmee des Herrn - kurz LRA.

Unter Mördern: 1988 von Joseph Kony, dem meist gesuchten Mann afrikas, in Uganda gegründet, bewegte sich die Rebellengruppe in Richtung Kongo, Zentralafrika und Südsudan, verbreitete Terror durch massaker, Vergewaltigung und Kidnapping. Kony, ein Wahnsinniger um die fünfzig, der sich für das Instrument des Heiligen geistes hält, strebte einmal die Schaffung eines biblischen Staates Uganda an. Doch längst schon geht es wie bei so vielen Rebellenführern nur noch darum, sich materiell abzusichern und sein Image zu pflegen - das eines Schächters und Massenmörders, von Menschen und von Kinderseelen. Denn das Entführen von Kindern, um aus ihnen kleine Schlächter und/ oder Sexsklavinnen zu machen, ist das "Markenzeichen" der LRA: Mindestens 200.000 Buben und Mädchen wurden, so schätzt die UNO, in den vergangenen zehn Jahren von den Schergen der LRA gekidnappt. Die meisten von ihnen im Südsudan. Kinder wie Keiji ...

Albtraum: In Garamba, dem hauptcamp der LRA im Kongo, begegnete das Mädchen Kony zum ersten mal. Der Gründer der LRA hatte bereits 30 Ehefrauen und 45 Verlobte. Nicht genug. "Als er mir verkündigte, ich würde die 46. werden", erinnert sich Keiji, "da sagte ich ihm, das wäre unmöglich. Er sei doch so alt, das er mein Großvater sein könnte. Daraufhin hat er mich geschlagen ..." Jedes Wort , kommt kaum hörbar, von unendlichen Schmerzen getragen, über ihre Lippen. " ... und er hat mich gezwungen, mit ihm zu schlafen." Es ist die erste von vielen Vergewaltigungen, die sie über sich ergehen lassen muss.

Zum Töten gezwungen: Als wir Keiji in einem Auffanglager für ehemalige LRA - Kindersklaven aufsuchen, wo sie uns ihre Geschichte erzählt, hat sie einen langen leidensweg hinter sich. Drei lange Jahre marschierte sie bei tag und Nacht, von Zentralafrika bis Dafur, eine Kalaschnikow um die Schulter gehängt und eine schwere Last im Herzen. Die "Tongo - Tongo", die "Halsaufschneider" , wie die LRA Killer genannt werden, zwangen sie nach ein paar Monaten, selbst zur Mörderin zu werden: Sie musste eine alte Frau mit Steinen tot schlagen, dann einen Mann mit einem Prügel, erzählt Keiji und schweigt anschließend lange. "Seitdem höre ich nicht auf, von Ihnen zu träumen", sagt sie dann. "Aber in meinen Träumen töte ich sie nicht. Da bin ich neben ihnen in einer Kirche, und wir beten gemeinsam ..."

Eines Nachts wagt Keiji zusammen mit anderen Kindersoldaten die Flucht. Die Entführer verfolgen sie durch den Wald, eine Gewehrkugel trifft das Mädchen am Bein. Doch Keiji schleppt sich weiter. "Eine Woche und vier Tage lang", bis sie von Viehzüchtern vom Stamm der Mbororo aufgegriffen wird. Sie bringen sie ins nächstgelegende Dorf, wo die Behörden die Weitereise in einem Heim für ehemalige LRA - Kindersklaven im südsadanesischen Yambio organisieren.

In dieser Region gibt es die meisten Entführungen, und hier formiert sich auch der Widerstand gegen die rebellen: "Arrow Boys" nennen sich die jungen leute, die - machmal nur mit Pfeil und Bogen bewaffnet - ausziehen, um ihre Geschwister und kinder aus den Fängen der Killerkomandos zu befreien.

Im Lager treffen wir auch Adanee, eine kaputte 40 - jährige, die alles hinter sich gelassen hat, nachdem fünf ihrer Kinder vor ihren Augen entführt wurden - "die Jüngste nicht größer als so" , sagt sie und hält ihre zittrige Hand einen Meter übder den Boden. Das war vor drei Monaten. Als "amputierte Mutter", wie sie sich selbst bezeichnet, hat Adanee jede Hoffnung auf ein Wiedersehen verloren. "Und falls sie durch ein Wunder wiederkommen sollten, dann werden sie kaltblütige Mörder sein, wie alle anderen ..."

Zerstörte Familien: "Das ist die LRA - Realität: Tausende zerstörte Familien leben mitten in der allgemeinen Gleichgültigkeit!" schimpft Schwester Giovanna, eine italienische Ordensfrau, die seit zehn Jahren in Nzara, nahe der Grenze zum Kongo, lebt. Unermüdlich ist die 80 - jährige auf einem altersschwachen Motorrad unterwegs, um zu helfen, wo es geht.

Mächtiger Feind: Schwester Giovanna vermutet hinter der wiederholten Attakane der LRA die Hand Khartoums, der Hauptstadt des Sudans und damit des "ewigen Feindes im Norden" unter der Führung von Omar al - Baschir. Dort sei man eben zu allem Bereit, um den Südsudan, der am 9.7.2011 endlich seine Unabhängigkeit bekommen soll, zu destabilisieren. "Wie sonst kann eine angebliche Splittergruppe so viel Böses anrichten?" fragt sie.

Die Ordensfrau ist gerade auf dem Weg zum Kommisariat von NZARA, wo Dorfbewohner vor einigen Tagen einen kleinen Buben ablieferten - sie hatten ihn allein im Wald herumirrend gefunden. Halb nackt und in sich zusammengerollt ähnelt das Kind einem ängstlichen Tier. Seit seiner Ankunft hat der Bub kein Wort gesagt. Schwester Giovanna kniet sich zu ihm, nimmt seine Hände, streichelt seine Wange und redet lange mit sanfter Stimme in Acholi, der Sprache der "Tongo - Tongo". dann holt sie Jean - Pierre, einen ihrer Schützlinge. Der Konogolese floh vor drei Jahren aus einem der Camps der LRA:

Er versucht Kontakt mit dem Buben auzunehmen, der aber schaut hartnäckig weg. "Das wird lange brauichen ..." sagt Jean - Pierre. "Wer weiß, wozu sie ihn gezwungen haben" murmelt die Ordensfrau.

"Das Schuldgefühl dieser jungen Opfer, die zu Henkern gemacht wurden, ist das schlimmste Trauma" weiß sie aus Erfahrung. Alle, ohne Ausnahme, mussten töten, um sich selbst zu retten. Jetzt, da sie den Weg in ein neues Leben sehen und gehen müssen, müssen sie erkennen, dass er über ein Minenfeld der Erinnerung führt.

"Nichts wird jemals die schlimmen Sachen, die ich gemacht habe, auslöschen" flüstert die 13 - jährige Rose, während sie nervös an der Rinde eines Baumes kratzt. Sie wird die Stelle während unseres Gespräches komplett abschälen. Vor drei Jahren wurde sie entführt, als sie Wasser vom Brunnen holte. Heute - Moante nach ihrer Flucht - ist sie immer noch gefangen vom Blick der Frau und ihres Kindes, die sie mit  einem Holzstock totschlagen musste.

Und da ist noch Grace, der teenager mit dem starren Blick. Sie errzählt, wie sie gezwungen wurde, einen Mann mit der Machete zu zerstückeln. "Als sie vor einem Jahr wiederkam, durfte niemand sich ihr nähern", erinnert sich ihr großvater. Er lebt mit Grace in einer Hütte aus Zweigen bei Yambio. "Es läuft besser, seit sie wiederr zur Schule gehet" sagt er, "nur weigert sie sich zu folgen!" Grace erklärt: "Nach dem Busch will ich nie wieder zu etwas gezwungen werden, was ich nicht will." Pause. "Ich bin nicht mehr die Gleiche."

"Für Mädchen ist die Rückkehr heikler. Viele sind von ihrem Peiniger schwanger"

"Wir bereiten die Familien sehr lange auf das Wiedersehen mit einem veränderten, oft auch seinen Geschwistern gegenüber gewaltätigen Kind vor" erklärt Justin Ebere, Verantwortlicher für das Kindersoldatenheim in Yambio. "Für die Mädchen ist die Resozialisierung noch heikler: Sie wurden vielfach nicht nur Vergewaltigungsopfer, sondern sind oft auch schwanger" sagt Monica, Sozialarbeiterin des Rehazentrums.

Die Kinder aus diesen Vergewaltigungen nennen sie hier "LRA - KIDS" und ihre Familien (Großeltern) weisen Kind und Enkelkind ab. Seba etwa wurde 2006 entführt und mit einem Bodygard von Kony "verheiratet". Als sie 2010 die Flucht schaffte, empfing sie ihre Familie mit offenen Armen. Bis sie entdeckte (und vor ihren Eltern nicht mehr verbergen konnte) , dass Seba schwanger war. Am Tag ihrer Niederkunft weigerte sich ihr Vater, dessen halbe Familie zum LRA - Opfer wurde, das Baby zu sehen. Seither ist Seba mit ihrem Sohn auf sich gestellt.

Junges Land, alte Last: Im Rehabilitationszentrum von Yambio wartet Keiji voller Angst auf das Ergebnis ihres Schwangerschaftstests. Sie weiß, dass es Einfluss auf das Wiedersehen mit ihrer Familie hat. Am nächsten Tag soll sie ausgeflogen werden - nach Hause. Der Test ist negativ.

In Juba, in den Armen ihrer Mutter, kann sie nicht aufhören zu lächeln, macht sogar Zukunftspläne. Als Bankerin sieht sie sich etwa, "um Geld zu machen." Und als Gouverneurin, um gegen die LRA zu kämpfen:"

Keijis Geschichte ging gut aus. Tausende weitere traumatisierte Ex- Kindersoldaten und ihre Resozialisierung bleiben. Der Südsudan nimmt eine schwere Last mit in die Zukunft, die auf den Seelen der verlorenen Kinder und ihren Familien liegt. Ob die Last zu schwer für dieses junge Land ist, wird sich weisen.

"Angst - das ist Teil des Jobs" berichten zwei Journalistinnen des oben erwähnten Beitrages. Die Worte "Angst - das ist Teil des Jobs" oder die Namen der Reporterin Manon Querouil bzw der Fotografin Veronique de Vigueri eingeben in die Suche auf www.wienerin.at Danke für euren Mut. passt gut auf euch auf!

 

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