Jammersusi und Schwarzmaler
Wenn Sie in intimen Momenten nicht bei der Sache sind, können Sie sich selbst überlisten ...
David schafft es, die schönsten Momente zu entzaubern. Anstatt Anna beim ersten Spaziergang einfach nur bei der Hand zu halten, schweift sein Blick über blühende Bäume und Felder: "Schrecklich ... Stell Dir vor, das alles gibt es bald nicht mehr. Kein gesundes Obst, kein Grün, keine klare Luft, alles tot ...
In Anbetracht der Klimaerwärmung und der atomaren Schrecknisse rückt Anna, der eben noch nach Zärtlichkeit zumute war, von David ab. An diesem Nachmittag fragt sich David wieder einmal, warum er sich so schwer tut, eine vielversprechende Beziehung zu sexualisieren.
Kaum geht es um Sex, denet Lilly negative Botschaften: "Schau da nicht hin. Ich habe Krampfadern." "Dreh das Licht ab, ich bin zu dick." Im Dunkeln memoriert sie für sich weiter: "Ich reagier nicht schnell genug ...Ich sollte mehr stönen."
Gepeinigt von Selbstanklagen, nimmt Lilly nicht wahr, wie erregend Berührungen und Düfte sein können. Der erotische Faden reißt, Lilly spürt nur Angst und Verkrampfung. Normalerweise weiß sie, dass ihre Krampfadern kaum sichtbar und ihr minimales Übergewicht nicht der Rede wert sind. Aber in Momenten, die ganz dem Glück und der Lust gehören sollten, muss Lilly - ebenso wie David - negative Gedanken abspulen.
Schuld an zwanghafter Schwarzmalerei ist ein winziger Seitelappen des Gehirms, buchstäblich ein "Jammerlappen". Hier werden negative gedanken produziert, die auch die aussichtreichsten Situationen kaputt machen. Je öfter katastrophiert wird, desto eher entsteht im "Jammerlappen" ein neuronaler Trampelpfad: Das offene oder geheime Gejammer geht promt los, kaum das Lilly, David und alle anderen Sorgenfreaks in einer ähnlichen Situation sind.
Ich habe großes Vertändnis für Nachdenklichkeit. Mit einem Liebespartner dunkle Gedanken teilen zu können macht die Intimität und den Wert einer Beziehung aus. Auch die Folter sexueller Unsicherheit ist mir bewußt. Justament beim Sex hat man oft unrealistische Anforderungen an sich selbst und große Angst, mit seinem sexuellen ich nicht angenommen zu werden. Aber, und jetzt bin ich endlich bei dem, was ich heute rüberbringen will: alles zu seiner Zeit.
In Momenten erotischer Annäherung verkommen Davids ernst zu nehmende Sorgen zu störendem Gelaber, das jene Intimität verhindert, die er eigentlich schaffen wollte. Und Lillys Selbstanklagen kastrieren nicht nur die eigenen sexuellen Impulse, sondern auch die des Geliebten,
"Gravity wins" (Schwerkraft gewinnt) sagen die Engländer. Ohne Achtsamkeit geht alles nach unten. Gute Stimmung, Glücksgefühle, auch der Sex. Also tun sie was. Erstellen Sie die "Top ten" Ihrer Sorgen - Hits - von "Im Bett bin ich ein Versager" bis "Der Klimawandel bringt uns alle um". Packt Sie im falschen Moment einer Ihrer Katastropengedanken, plazieren Sie diesen ihm stillen: "da schau her, heute fange ich mit dem dritten Platz an." Schon haben sie ihrem Jammerlappen überlistet, lächeln in sich hinein und wenden sich mit ungetrübtem Vergnügen der eigentlichen Lust zu ...