Ich liebe mich so wie du dich
Ich liebe mich so wie du dich von Prof. Gerti Senger
Maienzeit, Heiratszeit. Aber wer sich selbst nicht richtig einschätzt und schätzt, taugt nicht für Partnerschaften ...
Bei unserer Hochzeit sang mein Liebster das Beethoven - Lied "Ich liebe Dich so wie du mich, am Abend und am Morgen ... noch war kein Tag, wo du und ich nicht teilten unsere Sorgen". Als ich davon unlängst Bekannten erzählte, hörte ich folgende Anekdote: Ein Sänger drehte absichtlich den Text und sang: "Ich liebe mich so wie du dich." Keiner im Publikum merkte es.
Im Dusel des schönen Klangs kann man die Textrdrehung natürlich überhören. Aber vielleicht gingen die Worte so leicht rein,weil sie einen wahren Kern enthalten: die in Verruf geratene Eigenliebe.
Begonnen hat die Tabuisierung der Eigenliebe mit dem neuen Gemeinsinn. Beziehungstheoretiker redeten uns ein, dass man in einer Partnerschaft immer nur auf das "Du" mit all den Bedürfnissen und Grenzten des anderen berücksichtigen sollte. Das war die Zeit, als man anfing, sich schon nach kurzer Bekanntschaft zu duzen und mit Küsschen zu verabschieden. Seither geht es mit dem Ich - verständnis auf und ab. Erst wurde suggeriert, dass ohne die "Marke Ich" nix geht. Sich gut verkaufen, sich was gönnen ("Weil ich es mir wert bin") war die Devise. Dann wieder ein salto rückwärts: Wer sich von einer Meinung abgrenzt, ist harmoniefeindlich.
Horcht einer in sich hinein, "betreibt er Nabelschau". Jemand, der seine Bedürfnisse klar äußert, ist "auf dem Ego - Trip".
Was für ein Schwachsinn! In Wahrheit entstehen viele Depressionen und psychosomatische Erkrankungen deshalb, weil die wahren (!) eigenen Wünsche und Bedürfnisse gar nicht aufgespürt und berücksichtigt werden.
Auch die Verödung einer Zweier - Beziehung und der Erotik kann die Folge einer authentischen, mangelnden Ich - Bezogenheit sein.
Tobias ist nie gut und verzeiht sich keine Schwäche
Männer tun viel, um eigene Gefühle nur ja nicht wahrzunehmen. Wenn Tobias traurig ist, schaut er sich einen Action - Film an. Macht ihn etwas nachdenklich, lenkt er sich mit Sport ab. Er ist nie gut zu sich und verzeiht sich keine Schwäche. Tina schluckt alles runter und läßt sich von einem Partner so viel gefallen, das sie jede Selbstachtung verloren hat. Um sich überhaupt etwas wert zu fühlen, ist sie allerdings zu Spezialeinsätzen bereit. Die taugen aber nicht dazu, sie von ihrem eigenen Wert zu überzeugen, daher ist Tina extrem verletzlich, misstrauisch und eifersüchtig. Ständig mit sich zufrieden, findet sie auch in ihren Beziehungen nie Frieden.
Geraldine wiederum ist harminiesüchtig. Sie will unbedingt so fühlen und denken wie ihr Geliebter. Hinter ihrer Harmoniesucht steckt der Wunsch, einer Auseinandersetzung mit sich selbst auszuweichen. Sie glaubt, dass sie sich in einem Partner wie in einem Spiegel sehen kann, wenn sie gleich denkt und fühlt wie ihr Gefährte."Du bist denkst/ fühlst wie ich. Also weiß ich, wer ich bin." Damit schließt sie persönliches und pertnerschaftliches Wachstum radikal aus. Um sich nicht wie tot zu fühlen, bleibt solchen Paaren als Flucht vor der Stagnation oft nur noch die Trennung.
Tina, Tobias und Geraldine müssen begreifen, dass Beziehungsfähgigkeit auch die ehrliche Beziehung zu sich selbst einschließt. Wer sein Ich nicht erkennt, wird das Wir nie kapieren ...