Es lebe der kleine Unterschied
Es lebe der kleine Unterschied belegt, das Frauen als auch Männer kultur- und religionsunabhängig unterschiedliche Sichtweisen, Bedürfnisse, Aufgaben, Reaktionen, Gefühle, Sensibilitäten ec. haben - unabhängig von ihrer sexuellen Ausrichtung. Es folgt ein Bericht von Prof. Dr. Gerti Senger
Bis dato missglückten alle Versuche einer geschlechtsneutralen Erziehung. Ein kanadisches Elternpaar probiert es jetzt wieder. Sein Kind soll unbeeinflusst entscheiden: Will ich ein Bub sein? Oder ein Mädchen?
Das Baby ist süß. Große Augen, pausbäckig, volle Lieppen. Ein Säugling wie jeder andre und doch nicht wie jeder andere. Nur Mutter, Vater, die beiden Brüder, ein familienfreund und die Hebamme wissen, ob das Baby ein Bub oder ein Mädchen ist. Die Eltern, Kathy und David, beide Ende 30, geben ihrem Kind einen geschlechtsneutralen Namen: "Storm". Weder ein Mädchen- noch ein Buben - Name, weder rosa noch hellblaue Kleidung, weder geschlechtstypisches Umgangsweise soll das Kind beeinflussen, welches Geschlecht - genauer gesagt: welche sexuelle Identität - es eines Tages haben will. Durch eine geschlechtsneutrale Erziehung soll Storm die freie Wahl haben: Will ich ein Bub sein? Oder ein Mädchen?
Die von Kathy und David beabsichtigte geschelchstneutrale Erziehung mag ja gut gemeint sein. Die geschlechtsrollendarstellung war lange Zeitdiskriminierend für Frauen. Schon in Bilderbüchern wurden Kinder quasi unter der Hand Geschelechtsrollenbilder geboten, in denen der Weiblichkeitsbegriff auf Verfügbarkeit und Anpassung reduziert war und männliche Aktivität hochgejubelt wurde. Aber Storms Eltern dürften weder die positiven emanzipatorischen Veränderungen noch die bisherigen missglückten Versuche einer geschelchtsneutralen Erziehung wahrgenommen haben. Ihr Erziehungsexperiment ist mehr als fraglich, denn heute weuß man, dass das Bewusstsein, ein Geschlechtswesen zu sein, zu einer gelingenden psychosexuellen Entwicklung dazugehört.
Kinder wollen und können Geschlechtszugehörigkeit spüren
In der Aufbruchstimmung der 70er - Jahre (1970) bemühte man sich in Kinderläden und progressiven Familien vergeblich um eine geschlechtneutrale Erziehung. Die Agressivität der Buben, eines der hervorstehendsten Stereotype, wurde sogar noch augenfälliger. Und die Mädchen, die mit Werkzeugkästen zwangsbeglückt wurden, beharrten auf Puppen.
Die neuen Ergebnisse der Verhaltensbeobachtung lassen entgültig vermuten, dass der "kleine Unterschied" biologisch verankert ist. Zum Beispiel wurden Buben Barbie - Puppen und gleichaltrigen Mädchen Bagger zum Spielen gegeben. Die Buben verbogen die Barbies zu Waffen, die Mädchen teilten die Bagger in Papa-, Mama- und Baby-Bagger ein und gaben ihnen Namen.
Kinder sind nicht geschlechtsneutral. Sie haben schon Ende des ersten Lebensjahres erste Vorstellungen davon, dass esFrau und Mann gibt. Im Laufe der ersten beiden Jahre nimmt ein Kind seine Geschlechtsrolle an, indem es sich an Vorgegebenem - unser Alltag und unser Verhalten gegenüber gleich- und andersgeschlechtlichen Menschen - oriertiert. Jedes Kind muss die für das Leben notwendige Verhaltensssicherheit erlernen. Zur Orientierung hat es zwei bezugssysteme: Die Übernahme alterstypischer Rollen und eben das Einleben in die Geschlechtsrolle, das durch ubbewußte tägliche Ereignisse geprägt wird.
Die Feministin Marianne Grabrucker hielt in ihrem Tagebuch über die ersten drei Lebensjahre ihrer Tochter Annelie fest, wie einem Kleinkind das Frau- bzw. Mannsein auch unterschwellig vermittelt wird. Plakate, Illustrierte und Fernsehen enthalten weibliche bzw. männliche Stereotypien, die auch ein Kind formen, das geschlechtsneutral erzogen wird.
Einmal erlebt Annelie während eines Ausfluges, dass eine Mutter ihren kleinen Sohn bei jedem Tümpel dazu ermuntert hineinzupinkeln. Nach vollzohener Tat wird der Bub dafür kräftig gelobt. Beim Würstchenbraten bei offenem Feuer fordert der Papa deb Buben auf: "Also wir Männer löschen jetzt das Feuer." Dann stehen die beiden breitbeinig nebeneinander und pinkeln in die Glut, dass es zischt und raucht.
Was erfährt Annelie bei diesen Szenen? Sie erfährt, dass es zwei Kategorien von Menschen gibt. Die einen werden Manner und Buben genannt und haben ein Speilzeug am Bauch, für das sie bewundert und gelobt werden. Die zweite Kategorie sind Frauen und Mädchen, die dieses Spielzeug nicht haben und zum Beispiel nicht in hohem Bogen pinkeln und Feuer löschen können. daraus entsteht heutzutage nicht mehr ein Penisneid. Aber um die Erkenntnis, dass es den kleinen Unterschied ja doch gibt, kommt die kleine Annelie nicht herum.
Ein anderes Mal laufen Annelie und ein Bub in entgegengesetzter Richtung um ein Schaukelpferd herum. Würde Annelie nicht immer wieder ausweichen, käme es unweigerlich zu einem Zusammenprall. Früher hätte man gesagt, der Bub zeigt Stärke und Durchsetzungsvermögen. Er ist also ein "richtiger" Bub, während Annelie sich seinem Willen unterwirft, ihre Wünsche zurückstellt, also "schwach" und eine "richtige" Frau ist.
Heute würde eine Bewertung so klingen: Annelie löst ein Problem. Sie nimmt die Situation wahr, schätzt sie korrekt ein, sieht den Zusammenstoß vorher und vermeidet ihn, um die Beziehung intakt zu halten. Sie verhält sich also human und sensibel, während der Bub unvorsichtig und spontan nicht fähig ist, auf Annelie einzugehen. In einer Zeit, in der Geschlechterrollen zugeschriebene Verhaltensweisen überschritten werden dürfen, sollte Annelie erfahren, dass sie ihren Wunsch auch verteidigen könnte. Und der Bub müßte lernen, sich auf andere zu beziehen und Sensibilität entwickeln.
Kinder brauchen keine geschlechtsneutrale Erziehung. Sie spiegeln womöglich die Problematik der Eltern mit diesem Thema wider und bringt Kinder in eine Außenseiterposition. Was Kinder wirklich brauchen, ist eine Geschlechter differenzierende Perspektive. Sie ermöglicht das Eingehen auf die wirklichen Bedürfnisse eines Mädchen oder Buben und begünstigt stimmige, Geschlechterrollen überschreitende Verhaltesweisen ...
Kinder brauchen als Orientierungshilfe zu einer stabilen sexuellen Identitätsentwicklung entsprechende Signale.