Die Redekur

Krone, so 20.11.2011 

Die Redekur von Prof Dr. Gerti Senger

Schweigen ist Gift, Reden kann Medizin für Körper und Seele sein ...

Manches Mal denke ich lange über ein neues Kolumnenthema nach. Manchesmal weiß ich sofort: "Darüber schreib ich was!". Auch bei dieser Kolumne war es so. Beim diesjährigen "Philosophicum Lech" erzählte Peter Sloterdijk von Boccaccios "Decamerone": Im 14. Jahrhundert wütet die Pest in Italien. Die Ärzte sind machtlos. Gebete nützen nichts. 100.000 Menschen sterben den schwarzen Tod.

Sieben Frauen und drei Männer flüchten vor der Pest. Sie zeihen sich auf die Hügel vor Florenz zurück und erzählen einander Geschcihten, bis sich wieder in die Stadt zurückkehren können. Dank ihren Erzählungen überleben sie.

Noch eine lebensrettende Geschichte - das Märchen von 1001 Nacht. König Schahriyar entdeckt, dass ihn seine Frau betrügt. Er lässt sie samt Liebahber umbringen und schwört sich, nur noch mit Jungfrauen Sex zu haben und sie danach zu töten, um sich weitere Demütigungen zu ersparen.

Als Nächste soll Scheherazade daran glauben. Sie bittet den König, ihrer Schwester noch eine letzte Geschichte erzählen zu dürfen. Scheherazade erzählt so spannend, dass auch der König gebannt zuhört. Scheherazade erkennt ihre Chance und fabuliert weiter. Nacht für Nacht. Kurzum: nach 1001 Nacht begnadigt der König Scheherazade.

Ein großer Sprung vom Orient nach Wien. Auf dem Diwan von prof. Sigmund Freud lieht Bertha Pappenheim. Sie erzeählt von ihren Sehstörungen, Gehbeschwerden und Angstzuständen. Während sie ihre Probleme ausspricht, durchlebt sie die dazugehörenden Gefühle noch einmal und "reagiert" sie auf diese Weise ab.

"So schlecht war unsere Beziehung doch nicht" sagt er, als sie ihn verließ ...

Die Redekur ("talking Cure") und deren reinigende Wirkung wurde zu einer Säule der Psychotherapie. Aber aich ohne Therapie, Pest und königliches Todesurteil steht fest: Eine Redekur bringt immer was.

Herzschmerz kann man sich buchstäblich "von der Seele reden". Meine Liebeskummer - Untersuchungen zeigen, das diejenigen, die einen Ansprechpartner haben, die einzelnen Phasen des Trauerprozesses kürzer sind. Die Unglücklichen, die alles in sich hineinfressen, trauern länger.

"Wer nicht spricht, zerbricht!", das gilt erst recht in einer Entfremdungskrise. Dazu die aktuelle Geschichte von Helena und Thomas. Bei einem Abendessen spricht Helena unerwartet von Trennung, Thomas ist Fassungslos: "So schlecht war unsere Beziehung doch nicht." Wirklich nicht?

Können zwei Menschen ein und die selbe Sache so unterscheidlich erleben? Ja, wenn es zu einer Paar - Abwehr kommt. Dann gibt es nur noch harmlose "Smal - Talks". Signale und Zeichen der Entfremdung werden nicht wahrgenommen oder umgedeutet, um Angst und Schmerz zu verhindern. Oft versucht der Körper zwar mit "unerklärlichen" Symptomen das Verdrängte doch irgendwie zur Sprache zu bringen, aber mesit wird erst durch ein Außenereignis die Schweigespirale durchbrochen. Helena sprach nach einer Buchlektüre aus, was beide nicht zur Kenntnis nehmen wollten: die innere Einsamkeit und Entfremdungsgefühle. Die längst fällige Redekur brachte die verlorene Nähe wieder.

Ein Smal - Talk ist die kleine Erfrischung zwischendurch, eine Redekur ist eine Medizin. Besser, Sie lassen es auf eine Kur gar nicht erst ankommen. Verordnen Sie sich regelmäßig Redeeinheiten. Aber pur, bitte ...

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