Der Sieg über das Erbgut
Der Sieg über das Erbgut von Prof. Dr. Gerti Senger - am 6.3.2011 abgedruckt in der Printausgabe der www.krone.at
Immer mehr Menschen werden 100 Jahre und älter. Ein verantwortungsbewußter Lebensstil ist eine Chance, das eigene Leben und das der Nachkommen zu verlängern und glücklicher zu machen ...
Am 18.Oktober 1995 schaffte es eine zarte weißhaarige Frau aus Arles in Südfrankreich, ins "Guiness- Buch der Rekorde" zu kommen. Jeanne Louise Calmet stellte den Weltrekord im Altwerden auf und hält ihn bvis heute: Sie starb mit 122 Jahren und 164 Tagen.
"Steinalte" Menschen beschäftigen Medizin und Genforscher seit jeher. Gibt es ein Geheimnis für ihre Langlebigkeit? Verdanken sie ihr hohes Alter einem speziellen Alters - Gen?
Bis vor wenigen Jahren waren Wissenschjaftler überzeugt: Unsere Gene sind unser Schicksal. Ob Sie alt werden oder jung sterben, ob Sie übergewichtig oder schlank, ob Ihre Kinder aktiv oder träge, musikalisch oder unmusikalisch sind - verantwortlich sind die "Bausteine" desLebens, das Erbgut, die Gene. Auch wenn Sie sich gesund ernähren und fleißig Klavier üben, wird Ihr Sohn diesselben Schweinsohren haben wie Opa, und die Tochter wird daselbse Übergewicht haben wie schon Oma "weil das eben in der Familie liegt". Dieses Wissen gilt als überholt.
Nach dem Stand der heutigen Forschungkönnen wir dank der Umwelteinflüsse ungeheure Macht über unsere Gene bekommen. Obwohl nicht die Gene als solches verändert werden, kann ein gesunder Lebensstil deren Programm überlisten und die genetisch vorgesehene Lebensdauer verlängern. Mehr noch: Nachhaltige Lifestyle - Massnahmen können auch das Gen - Programm unserer Nachkommen und deren Lebenserwartung verlängern.
Diese revolutionäre Erkenntnisse lassen Wissenschaftler weltweit jubeln: "100 ist das neu 80!" Gesicherte statische Zahlen sprechen dafür, dass sich der Menschheitstraum eines langen Lebens bei guter Gesundheit erfüllt wird. Ausschlaggebend dafür ist die "Epigenetik" (= "Über"- oder "Neben" - Genetik) Epigenetik umfasst all das, was durch den Lebensstil mit den gegen gemacht wird.
Was passiert dabei? Vereinfacht ausgedrückt, bilden sich an den Genen "Schalter", die ein gen aktivieren oder blockieren. Der Biologe Peter Spork ("Der zweite Code: Epigenetik - oder Wie wir unser Erbgut steuern können") vergleicht den Menschen mit einem Computer. Die Gene sind die Hardware des Computers, aber der Nutzer bzw. die Software entscheidet, ob mit dem Computer ein Spiel gespielt, Buchhaltung gemacht oder gezeichnet wird. Unsere Gesundheit, ja sogar unsere Liebesbeziehungen, hängen nicht nur von den vererbten Genen ab, sondern auch von den erworbenen "Gen - Schaltern". Sie regulieren mit, ob zum Beispiel Krebs bekämpft wird oder die Erkrankung ein leichtes Spiel hat, weil Krankheitsbekämpfungs - Gene durch eine ungesunde Lebensweise "ausgeschaltet" wurden.
Äußere Einflüsse, wie etwa Ernährung, Umweltgifte, emotionaler und beruflicher Stress, Alltagsbedingungeb und Vorsorgemedizin, machen die Wirkungsweise des Gen - Schalters - das epigenetische Programm - aus.
Ein Beweis dafür liefert auch die Zwillingsforschung. Eineige Zwillinge, die das selbse Ergut haben, aber unterschiedliche Umwelteinflüssen ausgesetzt sind, haben auch einbe unterscheidliche Lebenserwartung.
Wie ein Dirigent, der den Instrumenteneinsatz eines Orchesters Einsatz gibt, entscheidet das epigenetische Programm, welche Gene aktiv sein und welche blockiert werden sollen. Spork berichtet von Untersuchungen mit starken Rauchern, in deren Mundschleimhaut genetische Veränderungen nachgewiesen werden konnten. Sie blockieren großteils jene Reperaturgene, die Krebszellen vernichten können.
Nach den bisherigen Vererbungstheorien ging man davon aus, das nur die Gene vererbt werden, die in jeder Zelle gespeichert sind. Die neue Forschungsrichtung der Epigenetik zeigt, dass auch die körperliche und sogar die seelischen "Erfahrungen" - die die Zellen machen - weitergegeben werden. "Liebe lässt sich vererben. Wie wir durch unseren Lebenswandel die Gene beeinflussen können" plädiert auch Österreichs Hormonpapst Johannes Huber. "Die Gene steuern uns. Aber wir steuern auch die Gene."
Ob Sie haltlos völlern oder sich bewußt ernähren, ob Sie sich ausbeuten oder massvoll leben, ob Sie ihr Gehirn trainieren oder denkfaul sind, ob Sie emotional zugewandt und zärtlich zu Ihrem Kind oder kalt und desinteresiert sind - all das beeinflusst nicht nur Ihre eigene Gesundheit und Ihre lebenserwartung, sondern auch die Gene Ihrer Kinder und deren Nachkommen. Sie müssen mit den Versäumnissen und Sünden ihrer Vorfahren, können aber im günstigsten Fall auch mit deren Investitionen leben.
In der Schwangerschaft, den ersten Jahren nach der Geburt und in der Pupertät entwickeln sich "Gen - Schalter" besonders leicht. Der Lebensstil einer Mutter, die positiven oder negativen emotionalen Erfahrungen eines Kleinkindes und Pupertierenden sind nicht entgültig. Es liegt also auch in unserer Hand, wie liebes- und Bindungsfähig, wie alt und wie gesund unsere Nachkommen sein werden.
Schon heute ist klar, dass die neuen molekularbiologischen Erkenntnisse Einfluss auf die Pharmaindustrie haben und Medikamente zur Umprogrammierung falsch regulierter Gene entwickeln werden. Auch die Gesundheits-, Erziehungs- und Bevölkerungspolitik wird Massnahmen setzen, um einen schädlichen epigenetischen Code einzelner Zellen umzuprogramieren.
Auf einem Gebiet haben wir durch das epigenetische Programm in Form medizinischer Aufklärung, öffentlicher Gesundheit, höheren Lebensstandards, wertvollerer Ernährung, gefühlvollerer Bindungen und bessere Bildung unsere Gene bereits überlistet: Wir werden immer älter.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts steigt in den entwickelnden Ländern die durchschnittliche Lebenserwartung linear an. 1959 war in Österreich ein 90 Jähriger ein biologisches Wunder. 1989 gab es 97.600 über 85 - jährige (bei 7,6 Millionen Einwohnern). 2010 wurden nicht weniger als 182.900 über 85 -jährige registriert, also doppelt so viele, während die Einwohnerzahl nur um 10% stieg. Auch über Hunterjährige gibt es immer mehr. 2002 lebten in Österreich 644, 2010 wurden 1040 gezählt. Jährlich kommen 50 Personen mit 100+ dazu!
Peter Sprok machte beim Vergleich der Lebensläufe der Alten und Steinalten eine erstaunliche Feststellung: Keiner der 100 Jährigen lebte besonders sportlich oder besonders asketisch. Nahezu alle Interviewten berichten, dass Sie gerne ein Glas Wein trinken und relativ, aber nicht zwanghaft gesund und aktiv leben. Auffallend ist, dass nahezu keiner der über Hundertjährigen ernsthaft chronisch Krank war oder an einem typischen Altersleiden, wie z.B. Alzheimer, Typ 2 Diabetes oder Krebs, stirbt. Ihre Todesursache ist schlichtwegs Altersschwäche ...
Die 3 goldenen Regeln, mit denen Sie Ihre Gene überlisten:
- Bleiben Sie körperlich und geistig aktiv
- Pflegen Sie emotionale Bindungen
- Ernähren Sie sich möglichst gesund.