Freundschaft
Aus dem Buch Die Gesetze des Schicksals: Die Befreiung von unbewußten Zwängen
Wann ist z.B. eine Freundschaft mit einem anderen Menschen echt?
Die Frage nach dem Echten und Wirklichen kann nur durch die Unterscheidung zwischen Neurose und Realität, zwischen zweiter und erster Natur beantwortet werden.
Eine Freundschaft hat etwa dann eine neurotische Basis, wenn die Freunde sich nur an meiner Schwäche, an meiner Hilflosigkeit, an meiner Unbedeutentheit oder an meinem Elend stabilisieren (Elternrollenspieler) oder wenn sie umgekehrt mich nur besuchen, um sich durch meinen Status, durch mein Prestige, durch meinen Ruhm aufzuwerten oder am am Sonnatg mein schönes Haus oder mein Schwimmingpool nutzen zu können (Kindrollenspieler).
Wann ist wirkliche Intimität, Vertrautheit, seelische Wärme und Harmonie in einer Beziehung und wann lebt man nur eine Form ohne Inhalt? In diesem Zusammenhang spielen wieder Ideale eine groé Rolle.
So wird z.B. mit dem Familienideal Vater, Mutter, Kind eine ganz bestimmte Rolle zugewiesen, die jeweils die seelische Eigenart dieser Menschen kaum zuläßt. Die Beteiligten werden zu Schauspielern eines Films mit dem Titel Familienideal. Das Kind trägt artig am Muttertag sein Verslein vor, kein Geburts- und Namenstag wird vergessen, Weihnachten ist alles in sentimentaler Stimmung vor dem Christbaum vereint, im Fasching kleben sich die Familienmitglieder Pappnasen an und auf dem jährlich in der Nähe stattfindenen Volksfest schießt der Pappi in einerBude eine Stoffblume für die Mammi ...
Jeden Samstagabend nehmen sämtliche Familienmitglieder nacheinander je ein Vollbad und jeden Sonntagnachmittag steht ein gemeinsamer Spaziergang auf dem Programm. Eine intakte liebe Familie - kaum ein Streit, scheinbar alles in Ordnung! Solange die Familienmitglieder ihre wirklichen seelischen - geistigen Inhalte, ihre wirklichen Eigenarten nicht entwickeln, äu8ern und leben, kann die äußere Form so stehen bleiben. Schert jedoch einer aus seiner zugewiesenen Rolle aus - etwa, wenn die Mutter am Wochenende Weiterbildungs- und Selbsterfahrungskurse besucht und auf Grund dessen andere Interesssen entwickelt - beginnen die Konflikte. Es wird plötzlich evident, dass die ursprüngliche Intimität und Vertrautheit vorwiegend nur das Resultat aus dem Absolvieren der verschiedenen Rituale und nicht das Ergebnis eines inhaltlichen Wachstums waren.
Ihr Partner, der sich mit dem alten Familienideal nach wie vor sich identiviziert, weil er als Kompensator für die eigene Wachstumsblokade seiner seelischen Eigenart braucht, wird dabei große seelische Schmerzen erleiden. Er wird alles versuchen, sie in die alte Rolle zurückzudrängen, um die ursprüngliche Harmonie wieder herzustellen. Er kann sich nicht in das andere Empfinden einfühlen, weil er nur norm- oder idealgemäß empfindet und umgekehrt ist es für die Frau seelisch schmerzhaft, wenn Sie ihre neu gewonnene Identität in neue Lebensformen nicht ausfdrücken kann.
Es leiden also in solchen Situationen immer einer der beidenb Partner. Solche Schmerzen können aber eine Transformation in Gang setzen. Die altze Form der Geborgenheit und Vertrautheit, die durch das Ideal gewährleistet war, muss sterben und eine neue Form muss entsstehen.
Erst wenn beide ihre Eigenart entwickelt haben und gegenseitig zulassen können, entsteht eine Form von Liebe, Verstehen, Vertrautheit, Geborgenheit und Harmonie, die sich von der vorherigen gänzlich unterscheidet. Jetzt erst sind Inhalte da, jetzt erst keimt echte Menschlichkeit auf, jetzt erst hat sich etwas entwickelt, was wirklich dauerhaft und unzerstörbar ist.
Solche neuen Formen des Zusammenlebens werden auch in neuen Wohnfoprmen wiedergespiegelt. Der gutbürgerliche Wohnzimmerschrank mit eingebauter Bar und Farbfernseher und das konventionelle gemeinschaftliche Schlafzimmer mit den weißen Wolkenstores und dem achttürigen Kleiderscharnk haben ihre Attraktivität eingebüßt. Sie werden abgelöst durch neue Wohnformen, durch neue Grundrisse, durch neue Konzeptionen, durch neue Design.
In der patriachalischen Phase verfügter keiner der Partner über ein eigenes Zimmer - sieht man einmal von Mutters Küche und Vaters Arbeitszimmer ab. Die Wohnungen waren ausschließlich auf Gemeinschaft zugeschnitten.
Jetzt geht es darum, sowohl der Individualität als auch der Gemeinsamkeit Rechnung zu tragen, indem jeder Partner sien eigenes Zimmer hat, das nach seinem Geschmack eingerichtet ist, zum anderen aber auch sich in den gemeinschaftlichen Räumen wie Küche und Wohnzimmer geborgen fühlen. Der Einzelne hat dadurch die Möglichkeit, sich abzugrenzen, allein zu sein, wenn ihm danach zu Mute ist oder die Gemeinschaft aufzusuchen. Eine solche Partnerschaft, bestehend aus zwei Menschen, die ihre eigene Identität weitegehend entdeckt haben und derem äußere Form nicht mehr den Zwang zur fast ständigen Gemeinschaft impliziert, hält läng4er als manch konventionelle Beziehung.