Pia

Mit 39 Jahren wurde mein sehnlichster Wunsch Wirklichkeit: Ich war endlich schwanger. Neun glückliche Monate vergingen in der Vorfreude auf unser Kind. Es passierte in der Nacht vor der Entbindung: Das Herz meines Babies hörte auf zu schlagen. Meine kleine Pia war tod. Seither lebe ich in einem Albtraum.

Als ich den Wäschekorb mit der frischgewaschenen Bettwäsche in den ersten Stock in unser Schlafzimmer brachte, hörte ich Geräusche aus dem Nebenzimmer. Dem Zimmer, das ich seit der Rückkehr aus dem Krankenhaus gemieden hatte.

Eine Schranktüre klappte zu. Wer zum Teufel war in diesem Zimmer? Ich ignorierte das Ziehen in meiner Magengegend und öffnete die Türe. Mir gegenüber stand R., meine Schwiegermutter. Sie kam zur Zeit täglich vorbei, um mir zu helfen. Da wir aber noch nie eine besonders herzliche Zuneigung zueinander verspürt hatten, war ich weder erfreut darüber noch dankbar dafür. Als ich jetzt den Wäschekorb gefüllt mit Strampelanzügen, Winden, Baby - Pullies sah, war ich außer mir ...

"Was machst Du den da?" fuhr ich Sie an. R. schaute mich ruhig in Ihrer kühlen, undurchdringlichen Art an: "Die Kleidung braucht ihr nicht mehr. Meine Nachbarin ist im 8. Monat und hat kaum Geld. Ich habe es mit meinem Sohn, deinem Ehemann abgesprochen. Er ist auch der Meinung, dass sie die Kleidung haben kann, dann erfüllt sie wenisgtens noch einen guten Zweck."

Fassungslos starrte ich meine Schwiegermutter an. Sie drängte sich an mir vorbei und verließ mit dem Korb das Zimmer. Ich sank auf das Sofa, das gegenüber von dem Holzbettchen stand, gleich daneben das Schaukelpferd. Da brach es aus mir heraus. Ich fing an zu weinen und vermochte nicht mehr aufzuhören. Wie einen Wasserhahn, den man nicht mehr zudrehen konnte. Die Ungerechtigkeit, dass ich mein Baby tot zur Welt gebracht hatte. Unser langersehntes Wunschkind. Wirre Gedankenfetzen schossen mir durch den Kopf, als ich mich an die Geburt von Pia erinnerte.

In der Nacht vor der Entbindung war ich kurz nach Mitternacht aufgewacht und war erstaunt, dass es zwischen meinen Beinen so feucht war. War etwa die Fruchtblase geplatzt? Ich ging ins Bad, ohne das Licht anzumachen, um meinen Mann nicht zu wecken und entdeckte, dass ich leichte Blutungen hatte. Schmerzen hatte ich keine, aber komisch war es schon. Jetzt weckte ich meinen Mann doch auf.

"Was ist den los?" murmelte er schlaftrunken, um sich gleich daraufhin aufzusetzen. "Geht es etwa los? Hast Du Wehen?"

Ich schüttelte den Kopf. "Nein. Ich habe so komische Schmierblutungen und weiß nicht, was das bedeuten soll!"

"Ist die Fruchtblase geplatzt?" fragte mich mein Mann mit unsicherem Blick. Ich schüttelte meinen Kopf. "Rufen wir M. an?" "Um diese Uhrzeit?" M. war meine Hebamme, mit der ich mich sehr gut verstand.

"Sie hat uns doch angeboten, das wir jederzeit bei ihr anrufen können, wenn wir etwas brauchen!" drängte mein Mann. Erst wollte ich nicht, denn die arme Frau wird sicherlich oft genug aus dem Schlaf gerissen. Nachdem aber die Blutungen nicht nachließen, rief ich M. um kurz vor 2 Uhr morgens an.

"Mach die keine Sorgen, das ist ein gutes Zeichen. Da werden die Wehen bald einsetzen. Versuche noch so viel wie möglich Schlaf zu bekommen, denn die nächsten Stunden können anstrengend werden" beruhigte sie mich. "Ich komme morgen früh gleich als erstes bei Euch vorbei."

Und M. hatte Recht. Die Wehen begannen tatsächlich kurz darauf, wenn gleich auch noch in großen, unregelmäßigen Abständen. Es war ein seltsamer Zustand. Halb wach, halb schlafend konzentrierte ich mich auf die Abstände zwischen den Wehen. Dabei fiel mir nicht auf, dass Pia sich überhaupt nicht mehr bewegte.

Ich trank gerade einen Kräutertee auf der Gartenterrasse - ein strahlend blauer Sommertag, es würde heiß werden - als M. kam. Ich hatte alle 10 Minuten Wehen. Komischerweise war ich überhaupt nicht nervös, hatte allerdings auch keine Angst vor der Geburt.

"Leg Dich bitte auf dein Bett, damit ich die Herztöne abhören kann", sagte M. zu mir.

Mühsam wuchtete ich mich aus meinem Stuhl hoch. Diesen vielen Kilos würde ich bestimmt nicht missen, dachte ich mir noch während ich erleichtert auf mein Bett sank. M. hörte die Herztöne ab, sie brauchte auffällig lange dazu. Sie schüttelte den Bauch ein bisschen und horchte wiederum hin.

"Wir gehen doch besser ins Krankenhaus, dort haben sie bessere Geräte." "Wieso? Stimmt etwas nicht?" fragte ich sie gleich.

"Kein Grund zur Sorge. Das Baby schläft vermutlich und ich kann deshalb nichts hören, aber sicher ist sicher" versuchte Sie mich sofort zu beruhigen.

Aber ich glaubte ihr nicht ganz. Wie können auf einmal keine Herztöne mehr zu finden sein, wenn noch gestern die Herztöne ganz laut gehört werden konnten?

Auf der Fahrt ins Krankenhaus war es sehr still im Auto. Dort wurde ich umgehend zur Sonographie gebracht. Mein Mann saß an meiner Seite, hielt meine Hand ganz fest umschlossen. Wir konnten nicht reden, schauten uns nur an. Wir hatten beide fürchterliche Angst. Ein Arzt nach dem anderen kam. Auf unsere Fragen antworteten sie nur mit nichtssagenden Sätzen, nachdem Sie entsetzt auf den Bildschirm gestarrt hatten. Endlich kam der Chefarzt. Er schaute uns ernst an. "Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, daß Ihr Kind tot ist."

Ich starrte Ihn an. Was hatte er da gerade gesagt? Mein Baby, meine Pia sollte tot sein? Das konnte nicht sein, er mußte sich irren! Ich lag in den Wehen, Pia kam gerade auf die Welt. In mir hämmerte es "Sie konnte nicht tot sein! Er mußte sich Irren."

Ganz langsam drang ein Schrei in mein Bewußtsein. So etwas hatte ich noch nie gehört. Meine rechte Hand schmerzte, es war ein unglaublicher Druck darauf. Da merkte ich, das mein Mann meine Hand ganz fest umklammert hielt und das er es war, der da soeben geschrieen hatte. Da wußte ich, das etwas ganz Schreckliches passiert war.

Ich wurde in den Geburtssaal geschoben, brachte Pia auf natürliche Art und Weise auf die Welt. An diese Stunden kann ich mich noch immer nicht erinnern, sie sind einfach weg. Erst als Pia zur Welt kam, setzten die Erinnerungen ein. Ich hatte Angst, sie anzuschauen. Aber Mirijam und der Arzt gingen ganz natürlich mit unserem Kind um. Sie nabelten sie ab, säuberten sie und wickelten sie in eine Windel und in ein Kaputzenhandtuch. Dann haben sie sie mir gegeben.

Ich staunte. Alles war ganz normal - dunkler Flaum auf dem Kopf, eine winzige Stupsnase, braune Augenbrauen und Wimpern, alle Fingerchen mit langen Fingernägeln waren da, alle Zehen. Aber sie öffnete ihren Augen nicht, um mich anzusehen. Sie schrie nicht, sie bewegte sich nicht. Ein stilles Kind, ein Sternenkind. Eigentlich ein schöner Name - viel zu schön für diese traurige Realität.

Mein Mann und ich durften unsere Pia noch eine Weile bei uns haben, aber das war viel zu kurz.

Ich wurde in ein Einzelzimmer geschoben. Zum Glück waren sie im Krankenhaus einfühlsam genug, um mich nicht auf die Wöchnerinnenstation zu legen. So mußte ich wenigtens nicht andere Babys schreien hören oder erleben, wie einer glücklichen Mutter ihr Kind zum Stillen gebracht wurde.

Das Aufwachen am nächsten Tag war grausam. Mir schoss sofort durch den Kopf: Es ist tatsächlich passiert! Es ist kein Albtraum, aus dem du soeben erwachst, sondern du erlebst diesen Horror ganz real. Ich war wie betäubt, jede Bewegung war unglaublich mühsam. Der Gedanke, dass mein Kind tot auf die Welt gekommen war, war für mich nicht real.

Ich wollte nach Hause.

Mein Bauch war leer, aber keine Pia war da. Ich mußte mein Kind beerdigen, anstatt es jetzt zum ersten Mal zu stillen und zu wickeln und die ersten Gesundheitsuntersuchungen abzuwarten oder die Kleine ihr Bäuerchen gemacht hatte. Es gab keinen Grund mehr für meinen Krankenhausaufenthalt.

Ich konnte nicht weinen.

Als L. (meine beste Freundin) anrief, berichtete ich ihr vollkommen nüchtern über alles. Es war, als ob ich ihr einen Zeitungsbericht vorlesen würde. Ich sprach nicht über mich. Das ganze war jemand anderem passiert.

Nicht einmal die Beerdigung von Pia brachte mich zum weinen. Ich kümmerte mich pflichtbewußt um die Formalitäten. Über die kühle Sachlichkeit der Bestatterin war ich sehr dankbar. Die ganze Sache dauerte vielleicht 15 Minuten.

"Wollen Sie eine Erd- oder Feuerbestattung?" "Bei Kindern haben wir nur einen kleinen weißen Sarg. Haben Sie etwas zum anziehen? Wollen Sie ein Stofftier oder eine Puppe mit hineinlegen?"

Oft zögerte ich mit der Antwort, dann antwortete sie für mich mit nein und trug es in ihren Bogen ein.

Ich lud kaum jemanden zur Beerdigung ein. Nur unsere Mütter kamen. Die Beerdigung fand in aller Stille statt. Niemand sagte etwas. Es dauerte kaum 10 Minuten. Danach, als wir noch zu meiner Mutter gingen, redeten wir nicht über Pia.

Drei Wochen später fing ich wieder zu arbeiten an. Der berufliche Alltag begann. Ich funktionierte, ich trug eine Maske. Meine Umwelt wußte nicht, wie sie mit mir umgehen sollte.

Ungeschickte Trostversuche oder hilfloses Schweigen war die Regel. Selbst meinen Mann konnte ich nicht mehr an mich heranlassen, obwohl auch er auf seine Art und Weise trauerte. Er zog sich immer mehr zurück. Ich spürte, das er mich brauchte und das er mich trösten wollte. Auch wenn mir mein Verstand sagte, das wir gemeinsam besser darüber hinwegkommen würden. Gefühlsmäßig konnte ich keine Nähe zulassen.

Eines Tages - ich war sehr weit weg mit meinen Gedanken - legte plötzlich jemand seinen Arm um mich. Ich hatte meinen Mann nicht gehört und schrak entsprechend zusammen. Müde und alt sah er aus. Dieses Mal stieß ich Ihn nicht zurück. Wir redeten nicht, nahmen einander einfach in die Arme. Wir weinten zum ersten mal gemeinsam um Pia. Ich fühlte mich geborgen und gut aufgehoben bei ihm.

Auch die nächsten Tage redeten wir nicht viel. Aber es war wieder ein zartes Band zwischen uns vorhanden, das uns beiden irgendwie half, wenn es auch nicht die Schmerzen linderte.

Die nächsten Wochen waren schwer. Ich vermied es soweit als möglich - außer zum Arbeiten - irgendwohin zu gehen, wo ich Gefahr lief, eine glückliche Mutter mit ihrem Baby im Kinderwagen spazieren gehen zu sehen.

Wege durch den Ort, an einem Spielplatz vorbei zu gehen waren ein regelrechter Spießrutenlauf.

Den größten Horror hatte ich davor, jemanden zu treffen, der irgendwelche Platitüden von sich gab. So wie M. eine ehemalige Klassenkameradin von mir. Weiß der Himmel, wer Ihr von meiner Todgeburt erzählt hatte. Sie versuchte mich auf Ihre tapsige Art und Weise zu trösten. Sie sagte mir unter anderem: "Wer weiß, wozu es gut wahr!" Oder mein Schwiegervater: "Davon geht die Welt nicht unter. Beim nächsten Mal wird es schon klappen."

Dabei wird es voraussichtlich kein nächstes Mal geben. Mit meinen 39 Jahren war es sowieso schon eine Risikoschwangerschaft gewesen, und lange genug hatte es gedauert, bis ich schwanger geworden war. Und ich weiß auch noch nicht, ob ich das alles noch einmal durchstehen will. 40 Wochen in Angst zu leben, dass sich alles noch einmal wiederholen könnte. Noch jetzt, einige Monate nach Pias Geburt fühlte ich mich wie amputiert, ganz so, als ob mir jemand mein Herz aus dem Leib gerissen hätte.

Ich weiß noch nicht nicht, wie es eigentlich weitergehen soll. Allmählich finde ich mich zwar wieder in meinem Alltag ein, existiere gewissermaßen, aber vom eigentlichen Leben bin ich noch ganz weit entfernt. Das wird wohl auch noch eine ganze Weile zu bleiben.

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