Die abgewartete kleine Geburt

Die abgewartete kleine Geburt

14 Mütter wollten ihr Kind durch eine abgewartete kleine Geburt gehen lassen. Bei zwei Frauen musste schließlich doch ein operativer Eingriff vorgenommen werden, da es zu medizinischen bzw. psychischen Komplikationen gekommen war.

In einem Fall wurde die kleine Geburt auf Wunsch der Mutter mit Hilfe der Abtreibungspille Mifegyne eingeleitet.

Die restlichen elf Frauen haben die Geburt ohne jegliche medizinische Intervention abgewartet und beendet. 

Für die meisten Mütter (77%), die sich für eine kleine Geburt entschieden hatten, war es nicht die erste Schwangerschaft gewesen. 61 Prozent haben mit Geburtserfahrung diesen Schritt gewählt. 46 Prozent der Frauen brachten die Erfahrung eines vorangegangenen Verlustes mit in die Entscheidung ein.

Für die Entscheidung zur kleinen Geburt gab es folgende Gründe:

  • Angst vor dem Krankenhaus/der Operation,
  • Wunsch, der Natur freien Lauf zu lassen,
  • Wunsch, sich in Ruhe, in Würde und in Liebe von dem Kind zu verabschieden und es sehen zu können,
  • Wissen, dass es nicht so risikoreich ist, wie die Ärzte gerne behaupten,
  • organisatorische Probleme. 

Antje schreibt dazu: „Nach einer Ausschabung wollte ich so etwas nie wieder mit mir machen lassen, und ich habe durch den Kontakt mit anderen betroffenen Frauen erfahren, dass es auch eine andere Möglichkeiten gibt, und die fühlte sich für meinen Bauch einfach besser an.“

Tamara erklärt: „Mir war es wichtig, dass Jamie mich auf ‚normalen’ Wege verlässt, ich ihn sehen und mich verabschieden konnte!“

Katrin L. erzählt: „Ich konnte mir gar nichts anderes vorstellen und war daher froh, dass ich schon Berichte von Frauen kannte, die ihre Babys auf diesem Weg haben gehen lassen. Ansonsten wäre ich vielleicht in die ‚Routine’ gerutscht...“

Bis auf zwei Frauen waren alle ausführlich über mögliche Komplikationen und Risiken informiert, wie etwa:

  • zu lange, zu starke Blutungen/Kreislaufprobleme,
  • starke Schmerzen,
  • Fieber, Infektionen,
  • Plazentareste/incomplete abortion/Nachoperation,
  • Verkleben der Eierstöcke/Infertilität,
  • psychische Belastung.

In den meisten Fällen stand der Gynäkologe bzw. die Hebamme zumindest eingeschränkt hinter der Entscheidung der Frau, auf die kleine Geburt zu warten. Dabei wurde den Frauen in der Regel auch kein zeitlicher Rahmen vorgegeben, sie hatten beliebig lange Zeit, auf die Geburt zu warten. 

Die kleinen Geburten lagen alle zwischen der 6. und 14. Schwangerschaftswoche (Durchschnitt bei 10. SSW) und 2 bis 23 Tage nach der Diagnose, mit einer durchschnittlichen Wartezeit von sieben Tagen. Festgestellt wurde der Tod des Kindes zwischen der 6. und 14. Schwangerschaftswoche, gestorben waren die Babys vermutlich zwischen der 6. und 12. Schwangerschaftswoche.

Dabei scheint es keinen Zusammenhang zwischen der Wartezeit und der Schwangerschaftswoche zu geben. Auch konnte keine Verbindung zwischen dem vermutlichen Todeszeitpunkt des Babys und dem Eintritt der kleinen Geburt gefunden werden. 

Allerdings hatten fünf der betroffenen Frauen zum Zeitpunkt der Diagnose schon Blutungen. Bei ihnen betrug die durchschnittliche Wartezeit vier Tage, bei den anderen lag der Schnitt bei 12 Tagen. Dies weist darauf hin, dass Blutungen bei der Erstuntersuchung zu einer relativ schnellen Beendigung der Schwangerschaft führen können. 

Fünf Frauen meinen, dass ihr Wissen über den Tod ihres Kindes die Geburt vorangetrieben habe. Kerstin sagt hierzu: „Ich habe das Einsetzen der kleinen Geburt dann erlebt, als ich selbst dazu bereit war loszulassen.“ Antje erzählt: „Als ich selber meinem Kind sagte, dass es in Ordnung sei, wenn es geht, und ich es immer lieben werde und selber losgelassen habe, kamen die Blutungen richtig in Schwung.“ Silvia glaubt: „Sonst hätte ich mich extrem gegen die Vorgänge gewehrt, und so konnte ich mich verabschieden und es gehen lassen.“

Nur eine Mutter sagte, dass das Wissen um den Tod ihres Kindes die kleine Geburt eher verhindert habe – sie musste sich schließlich auch einer Operation unterziehen.

Wie die Mütter die Tage des Wartens erlebt haben, beschreiben sie durch folgende Ausdrücke:

  • Bewusstes Abschiednehmen, Trauer,
  • schlechter Traum, Ausnahmezustand, sehr schrecklich, schlimme Zeit, wie im Strudel,
  • Zweifel, Angst, Verzweiflung,
  • organisierend, vorbereitend. 

Fast ausnahmslos hatten sie in diesen Tagen Zeit, von ihrem Kind Abschied zu nehmen und den Trauerprozess zu beginnen.

Nur zweien war es schwergefallen, ein totes Kind zu tragen. Neun Frauen meinten, dass sie zwei Wochen und länger auf die kleine Geburt gewartet hätten. 

Nur zwei Frauen empfanden während der kleinen Geburt starke körperliche Schmerzen. Alle anderen fanden die kleine Geburt nicht schmerzhaft (36%), etwas schmerzhaft (27%) oder schmerzhaft, aber aushaltbar (18%).

Die empfundenen Schmerzen scheinen dabei z.T. bei fortgeschrittener Schwangerschaft stärker zu werden (vgl. auch spontane kleine Geburt).

Die Hälfte der Frauen hat für einen gewissen Zeitraum stark geblutet, ein Viertel hatte etwas stärkere Blutungen als bei einer normalen Periode und die anderen hatten keine starken Blutungen. Auch die Blutungen scheinen mit fortgeschrittener Schwangerschaft eher stärker zu werden.

Es hat von weniger als einer Stunde bis zu zwei Wochen gedauert, bis die meisten Gewebestücke abgegangen waren, im Schnitt acht Tage.

Insgesamt haben die Nachblutungen 3 Tage bis 3 Wochen angehalten, mit einem Schnitt von 10 Tagen. Wobei die Blutungen in den ersten Tagen in der Regel stärker waren als bei einer normalen Periode, danach in eine regelähnliche Blutung übergingen, um in einer Schmierblutung zu enden. 

In keinem Fall musste eine Not-Operation vorgenommen werden. Das heißt, es kam bei keiner der betroffenen Frauen zu einem zu starken Blutverlust oder unerträglichen Schmerzen.

Alle kleinen Geburten wurden bei der Nachuntersuchung als komplett eingestuft und so brauchte in keinem Fall nachoperiert zu werden. Zum Teil wurde bis nach der ersten Periode danach abgewartet, um nachzusehen, ob alle Gewebestücke abgegangen waren. Das heißt, dass nach 23 Tagen in 86 Prozent der Fälle die Fehlgeburt vollständig war.  

Auch hatten die allermeisten Mütter anschließend keine anderen körperlichen Probleme. Nur eine hatte für zwei Monate stärkere Perioden und eine weitere klagte über eine schmerzende Dammnarbe und starkes Schwitzen für sechs Wochen. 

Die Hälfte der Frauen wusste, dass man eine kleine Geburt naturheilkundlich unterstützen kann. Sie haben z.B. Sepia, Pulsatilla, Arnica oder Bachblüten genommen. 

Keine der Frauen hatte wegen der kleinen Geburt seelische Probleme – wohl aber natürlich wegen des Verlustes.

Silvia sagt sogar: „Es war ein großartiges Erlebnis für mich, das zu schaffen und mein Baby auch ganz kurz kennen zu lernen.“ Auch Katrin L. ist überzeugt: „Es war der beste Weg für mich/uns, den Tod unseres Babys zu verarbeiten und Abschied zu nehmen.“ 

Fünf der zwölf Frauen haben ihr Kind gesehen und waren froh darüber. Zwei davon haben es zuhause bzw. auf einem Sammelgrab beerdigt. Von den anderen hätten weitere drei ihr Baby auch gerne beerdigt, haben es aber gar nicht gesehen oder dies vorher nicht bedacht. 

Die Frauen haben 25 bis 49 Tage auf ihre erste Periode nach der kleinen Geburt gewartet, im Durchschnitt 32 Tage. Oft verlief diese Periode genauso wie vorher auch, doch z.T. kam sie später, dauerte etwas länger, war stärker oder schmerzhafter.

Sieben Frauen (60%) waren nach ihrer kleinen Geburt, zum Zeitpunkt der Umfrage, wieder schwanger geworden, innerhalb von zwei bis acht Monaten, im Schnitt nach vier Monaten. Leider mussten zwei von ihnen (33%) ihr Kind wieder in der Frühschwangerschaft hergeben. 

Ausnahmslos alle Mütter sagten, dass die kleine Geburt der richtige Weg des Abschieds für sie gewesen sei, und sie diesen Weg wieder wählen würden. Sie glauben auch, dass für sie ein operativer Eingriff mehr körperliche und/oder seelische Probleme gebracht hätte.

Tamara sagt: „Eine Operation wäre schlimm gewesen, körperlich und seelisch, da ich mich danach sicher beraubt gefühlt hätte. Es wären Bedenken geblieben. Bei der kleinen Geburt ist alles so ‚klar’ gewesen.“

Auch Katrin „würde auf jeden Fall wieder auf eine kleine Geburt warten. Es ist für mich der beste Weg, um mich von meinem Baby zu verabschieden und ein wichtiger Schritt im Hinblick auf die Verarbeitung.“

Angelika schreibt dazu: „Eine Operation wäre sicher nicht so einfach gewesen, allein der Krankenhausaufenthalt wäre wesentlich stressiger gewesen.“

2 der 14 Frauen, die auf eine kleine Geburt warteten, haben sich während des Abwartens schließlich doch noch zu einer Operation entschlossen.

Christiane wollte zwar eine kleine Geburt abwarten, hat sich aber nach zwei Wochen des Wartens doch zu einer Operation entschieden. In diesen zwei Wochen hatte sie Zeit gehabt, sich von ihrem Kind zu verabschieden und die Operation war somit in Ordnung für sie. Christiane hatte folgende Gründe, sich letztendlich für den operativen Eingriff zu entscheiden: „Es war davon auszugehen, dass es zu keiner natürlichen Geburt kommen würde. Ich wollte den ‚Zustand’ beenden, weil ich nicht damit klar gekommen bin, das Kindlein festzuhalten. Ich bin überzeugt davon, dass es bei dieser Fehlgeburt zu keiner kleinen Geburt gekommen wäre, weil ich nicht loslassen konnte/wollte.“

Diana bat nach mehreren Tagen im Krankenhaus um eine Operation. Die Ärzte wollten auf Grund der Größe des Kindes (14.SSW) die Geburt eigentlich abwarten. Doch nachdem das Baby nach langen Blutungen und trotz strenger Bettruhe doch gestorben war, wollte Diana die Operation: „Ich war es ja diesmal, die wollte, dass operiert wird. Ich hatte in der Nacht zuvor so starke Blutungen, dass ich Angst hatte, zu verbluten. Morgens bekam ich ein Zäpfchen vor den Muttermund gelegt. Die Wehen waren so schrecklich, dass ich nur noch in den OP wollte. Ob mein Kind von alleine kam oder ob es leider doch aus mir rausgeschnitten (wie schrecklich) wurde, dass weiß ich nicht, und möchte es auch nicht wissen.“ Weiter erklärt sie: „Ich hatte Angst, dass ich das Baby auf der Toilette verlieren würde. Ich hatte Angst, es zu sehen. Ich bin vor Schmerz bald durchgedreht. Und dann kam alles wieder von der Totgeburt meines Sohnes hoch, das war das Schlimmste.“

Eine Mutter aus Österreich hat die kleine Geburt in der 14. Schwangerschaftswoche, drei Tage nach der Diagnose "missed abortion", mittels der "Abtreibungspille" Mifegyne und Prostaglandintabletten im Krankenhaus einleiten lassen. Diese Methode wird in der Wissenschaft immer häufiger diskutiert, doch bisher, zumindest in Deutschland, äußerst selten angewandt (vgl. auch wiss. Literaturrecherche, "Behandlung früher Fehlgeburten").

Astrids Erfahrungen habe ich zum größten Teil in die Auswertungen über die abgewartete kleine Geburt einfließen lassen. Doch ein paar ergänzende Bemerkungen möchte ich an dieser Stelle hinzufügen:

Astrid ist rein zufällig bei der Suche nach einem Krankenhaus für einen operativen Eingriff auf einen Mifegyne-Spezialisten gestoßen. Dieser war der erste, der meinte, dass sie doch auch ohne Kürettage auskommen könne. Sie hatte also die Wahl und entschied sich "für das 'bewusste' Loslassen, statt die Ärzte das einfach 'machen zu lassen'."

Mögliche Nebenwirkungen dieser Methode sind ähnlich wie bei der kleinen Geburt:

  • sehr starke Blutungen,
  • Nach-Kürettage,
  • Nebenwirkungen der Tabletten, wie z.B. Übelkeit, Erbrechen, Durchfall.

Astrids kleine Geburt verlief ohne Komplikationen und war durch die Gabe von Schmerzmitteln auch nicht zu schmerzhaft. Sie verlor zwar viel Blut, hatte es sich aber schlimmer vorgestellt. Das Baby und die meisten größeren Gewebestücke verlor sie innerhalb kürzester Zeit und die Geburt war vollständig. Astrid konnte ihr Kind „auffangen“, es sich intensiv betrachten und später in einer Kindergrabstätte für Fehl- und Totgeburten bestatten. 

Vielleicht gibt es ja in der Zukunft mehr Frauen, die den Weg der „medikamentösen Einleitung einer kleinen Geburt“ gehen, und darüber berichten. Dann könnte auch hierzu mehr Literatur und Erfahrungen beigetragen werden. Denn auch dies sollte ein Weg sein, der betroffenen Müttern als Möglichkeit – zwischen der „rein passiv abgewarteten kleinen Geburt“ und dem „operativen Eingriff“ – gegeben werden sollte!

Sie befinden sich hier: