Die Nacht
Die Nacht, als Du einfach von mir gingst…
Ein Klopfen an der Tür in der Nacht, mit Worten, die ich nicht hören will, sie doch aber noch täglich in meinen Ohren hallen: „Es geht zu Ende…!“
Zitternd am ganzen Körper folgen meine Schritte dem Arzt hinterher – hin zu Dir. Da liegst Du und siehst aus, als schläfst Du nur sanft. Aber warum schlägt Dein Herz nur noch so langsam?
Nein, das kann nicht sein. Sicher ist gleich alles wieder gut – Du musst nur stark sein mein Schatz! Bitte, gib dir Mühe…deine Mami ist doch jetzt bei dir, und ich brauch dich doch…! Auf uns wartet doch so ein schönes Leben. Bitte, bitte, streng dich an…versuch wieder, besser zu atmen. Du schaffst das schon.
Ich halte dich fest. Spürst du, dass ich da bin? Ich lieb dich doch und lass dich nicht allein. Und du darfst mich nicht alleine lassen. Du bist doch mein kleiner Engel, mein kleines Mädchen.
Ich sing dir jetzt dein Lied vor…das hab ich dir doch schon immer vorgesungen, als du noch in meinem Bauch warst.
Nein, ich muss nicht weinen, gleich wird alles wieder besser.
Warum weine ich trotzdem, wenn doch alles wieder gut wird?
Hör Schatz, dein Lied: „Kleine Prinzessin, so ein Wahnsinn du bist da, das war pures Glück total, als ich dich so vor mir sah, ganz nah. Kleine Prinzessin…“- ich stocke…muss soviel weinen. Jetzt ist auch noch der Text weg, dabei hab ich dir das so oft vorgesungen. Wo sind die Worte jetzt hin?
Verzweiflung…
Aber ich muss doch nicht verzweifelt sein! Du schaffst das doch mein Schatz, oder? Du hast doch in meinem Traum zu mir gesagt: „Mami, Du brauchst keine Angst haben, ich bin viel stärker, als ihr alle von mir glaubt!“ Meine kleine Alina, das hast du in meinen Träumen gesagt, also musst du jetzt auch bei mir bleiben. Du hast es mir doch versprochen.
Irgend jemand muss doch was tun!
Du spürst mich doch…deine Mami ist bei dir. Du bist nicht alleine, wir schaffen das zusammen, Du musst dir nur Mühe geben. Bitte verlass mich nicht.
Lieber Gott! Bitte, bitte nimm mir mein Kind nicht weg. Das kannst du doch nicht machen. Alina, meine Kleine, warte auf deinen Papi, der will dich doch auch noch sehen. Und deine Oma und dein Opa haben so viele schöne Sachen mit dir vor… Du kannst jetzt nicht einfach so von mir gehen!
Diese Apparate - die funktionieren nicht. Warum wird die Wellenlinie immer weniger? Tut doch endlich jemand was! Mein Kind!
Bin so hilflos – verzweifelt… Mein Schatz, sei stark, du gehörst doch zu deiner Mami…zu mir!
Ich will irgendwas tun…aber weiß nicht was. Bitte lieber Gott, halt die Zeit an. Diese Herzlinie darf jetzt nicht noch weniger werden. Das geht nicht. Das kann doch nicht sein. Mein Atem stockt, ich bin wie gelähmt…wo Wellen waren, kommt jetzt ein Strich.
Nein, nein…ich schreie innerlich…und doch kommt kein Ton von meinen Lippen. Nein, nein, bitte nicht mein Schatz. Ich brauch dich doch so sehr. Bitte, bitte komm zurück. Jemand legt Dich mir in meine Arme. Das geht doch nicht, Du musst doch weiter beatmet werden…
Meine Tränen fließen einfach nur. Du fühlst dich so warm und weich an. Ich streichle jedes einzelne kleine Fingerchen von dir…ganz vorsichtig, denn deine Hände sind noch so klein. Ich küss dich ganz sanft auf Stirn und auf deine warmen Lippen. Du siehst so schön aus, mein kleiner Engel. Du hast ganz viel von deinem Papi.
Ich lass dich jetzt nicht mehr los. Der Moment soll nicht enden. Du bleibst einfach in meinem Arm liegen, und wir halten die Zeit an. Du bist bei mir - und ich bin bei dir – wir zwei zusammen! Mehr brauchen wir gar nicht. Alles andere ist egal.
Ich weine…und halte dich. Solange du in meinem Arm liegst, ist doch alles gut. Ich sitze da mit dir im Arm! Bin doch so glücklich über dich…warum kann ich nicht aufhören mit weinen? Warum soll ich dich jetzt loslassen? Ich kann dich doch nicht einfach hier lassen und gehen?!
Nein, ich will nicht gehen…und trotzdem tragen mich meine Füße weiter…Schritt für Schritt. Kann nicht mehr denken. Und doch lass ich dich los, leg dich auf dein Bettchen und gehe. Ich laufe einfach weiter, obwohl mein Herz an dir hängt, und jede Bewegung von dir weg reißt es mir immer mehr heraus, denn es ist in dir verankert. Warum passiert das jetzt alles so?
Warum gehe ich, obwohl ich bleiben will?
Warum soll ich dich jetzt alleine lassen? Mein kleines Mädchen braucht mich doch?!
Auf einmal ist alles still um mich herum, ich fühle Kälte und Leere. Was ist passiert? Warum bin ich innerlich so tot?
Wo bist du mein Schatz? Du fehlst mir doch so sehr…
Gleich wach ich auf, und dieser schreckliche Traum ist vorbei: Los, aufwachen…es geht nicht.
Bin ich etwa schon wach? Nein, das kann gar nicht sein. Aber spürt man denn Tränen in seinen Träumen? Nein! Ich weine wirklich…so unendlich viele Tränen…ich hab gar nicht geschlafen…und es ist auch kein Traum, aus dem ich weglaufen kann.
Ich schreie innerlich den lautesten Schrei, den ich je in meinem Leben von mir gegeben hab. Ein Schrei voller Kummer und Schmerz…und dieser Schrei sitzt so tief…das trotzdem kein Laut über meine Lippen kommt.
Erst jetzt wache ich auf, obwohl ich bereits die ganze Zeit wach gewesen bin. Und jetzt fühle ich den Schmerz!
Alles um mich herum steht still, für mich dreht sich die Erde gerade nicht weiter. Denn ohne dich gibt es keinen Weg, den ich gehen möchte. Ich bleib einfach hier mit meinem Schmerz…denn innerlich bin ich mit Dir gestorben.