Traurig und befreit zugleich
Auszüge aus dem Buch "Traurig und befreit zugleich"
Marlene ist 30 Jahre alt und Taxifahrerin. Sie lebt in einer
Wohngemeinschaft, Ihr Schwangerschaftsabbruch liegt vier
Wochen zurück. Für sie war die Entscheidung gleich klar.
«Ich habe irgendwann festgestellt, daß ich schwanger bin. Ich war beim Arzt und habe es mir bestätigen lassen. Ich habe mir dann gleich einen Termin für die Abtreibung im Familienplanungszentrum besorgt. Als ich den Termin hatte, war ich glücklich und befreit. Ich bin schwanger geworden, weil ich die Pille nicht mehr nehmen will. Wir müssen uns seitdem mit Präservativen behelfen oder aufpassen oder sonst etwas. Mein Zyklus war durcheinander gekommen, weil ich im Urlaub war und eine sehr lange Flugreise hatte. Da ist es halt passiert. Es war auch Dummheit. Wir haben nicht richtig aufgepaßt. Ich weiß schon lange, daß ich keine Kinder haben will. Ich finde es nicht naturgegeben, daß wir als Frauen ein Kind haben müssen.
Es hat mich enorm viel Kraft gekostet
Sonja ist 35 Jahre alt und als Angestellte halbtags beschäftigt. Sie ist verheiratet und hat einen zwölfjährigen Sohn. Ihr Schwangerschaftsabbruch war vor sechs Wochen, und die psychische Verarbeitung des Erlebten beschäftigt sie noch sehr.
«Wir hatten mit der Temperaturmethode und Kondomen verhütet, und deshalb weiß ich auch nicht, wieso ich schwanger geworden bin. Als ich den Test gemacht hatte, fühlte ich mich in der Klemme. Im Hinterkopf habe ich aber gedacht, wenn mein Mann sich freuen würde, dann würde ich mich auch freuen. Mir war aber klar, daß er das nicht tun würde. Aber es hätte meine Entscheidung stark beeinflußt. Ich hatte dann das Gefühl gehabt, nicht so allein damit zu sein.
Ich habe dann gemerkt, daß es mir peinlich war, schwanger zu sein. Als ob ich dafür allein verantwortlich wäre. Ich habe dafür genausoviel oder sowenig getan wie mein Mann, und trotzdem war es mir peinlich. Ich habe ganz stark gemerkt, daß ich mir wünsche, daß mit dem Thema Abtreibung anders umgegangen wird. Nicht so theoretisch und nicht so moralisch.”
Es war ein Wendepunkt in meinem Leben
Christiane ist 26 Jahre alt, Studentin und lebt alleine. Ihr Schwangerschaftsabbruch liegt ein Jahr zurück. Vor dem Schwangerschaftsabbruch hatte ich die Befürchtung, daß ich vielleicht danach Depressionen bekomme. Man hört ja soviel davon. Meine psychische Lage war nicht allzu stabil. Ich habe hinterher bemerkt, daß es einfach nicht zutraf. Es ist nicht zwangsläufig so. Ich wäre nicht in der Lage gewesen, ein Kind wirklich so gut zu erziehen, wie ich es mir wünsche. Gerade durch meine eigene Erfahrung, nicht erwünscht zu sein, war ich bestärkt in meiner Entscheidung. Es ist richtiger, ein Kind nur dann zu bekommen, wenn man es wirklich möchte. Was mir auf dem Herzen liegt und was ich sehr schlimm finde, ist, daß soviel Irrtümer über psychische Folgen verbreitet sind. Daß nicht gefragt wird, haben mögliche Folgen wirklich etwas mit dem Abbruch zu tun oder nicht viel mehr mit der Situation, in der die Frau lebt. Daß sie vielleicht allein ist oder so. Wenn eine Frau beim Abbruch ganz schlecht behandelt wird, geht es ihr danach sicher schlecht. Es ärgert mich, daß da soviel vermischt wird. »
Das war ganz schrecklich
Gudrun ist 42 Jahre alt, Lehrerin und verheiratet. Sie hat eine Tochter und einen Sohn. 1976 ließ sie einen Schwangerschaftsabbruch durchführen.
«Mein erster Schwangerschaftsabbruch war schrecklich. Ich war damals 19 Jahre alt und lebte in einer streng katholischen Umgebung. Ich war schwanger, weil mein Gynäkologe sich geweigert hatte, mir die Pille zu verschreiben, und ich es mit Knaus Ogino nicht so richtig hingekriegt habe. Ich war nicht aufgeklärt. Zu Hause durfte man das Thema Verhütung oder Sexualität überhaupt nicht ansprechen. Schrecklich war, daß ich offenbaren mußte, daß ich schwanger bin, aber ich brauchte ja Informationen, wo man abtreiben kann. Dann hatte ich eine Adresse bekommen, sechs Autostunden entfernt in einer völlig fremden Stadt, bei einem Gynäkologen, den ich noch nie gesehen hatte, mit dem ich nur telefoniert hatte. Mein Freund hat mich hingefahren. Als wir in die Praxis kamen, war da noch ein Anästhesist, was ich nicht gewußt hatte. Der wollte wohl auch noch mit daran verdienen. Ich wurde nur kurz begrüßt, dann wurde mir gesagt, ich solle mich ausziehen, aber vorher das Geld auf den Tisch legen. Dann ging es relativ rasant mit der Narkoseeinleitung. Als ich wieder aufwachte, war mein Freund schon bei mir. Er hat mir erzählt, er habe sich Sorgen gemacht, denn es hätte so lange gedauert. Ich habe hinterher überlegt, was die dort drinnen mit mir gemacht haben. Das waren zwei so dunkle Gestalten. Es war wie in einem Film — beide so düster, so dunkel die Räume. Es war ja nach Praxisschluß. Das war ganz schrecklich.
Es ging mir noch längere Zeit unheimlich schlecht, weil ich mit niemandem richtig darüber reden konnte, und mein Freund selbst so hilflos war. Das Ganze war 1976. Heute weiß ich, daß Abtreibungen damals auch legal möglich waren.»
Die haben schlecht über mich geredet.
Marie ist 35 Jahre alt, Krankengymnastin und lebt allein. Vor fünf Jahren hatte sie einen Schwangerschaftsabbruch. Die herabwürdigende Behandlung im Krankenhaus hat ihr mehr Schwierigkeiten bereitet als der Abbruch selbst.
«Ich kam in ein riesiges Zimmer mit vielen Betten. Da lag eine frisch operierte Frau. Neben ihr lag eine, die an der Brust operiert worden war, und eine andere hatte einen Kinderwunsch und war wegen irgendwelcher Untersuchungen da. Ich mochte nicht sagen, daß ich einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen wollte. Ich habe mir eine Notlüge ausgedacht und fühlte mich damit total elend. Für mich war kein Gespräch mehr möglich, und ich hatte Angst, daß der Arzt kommt und mich dumm anmacht.
Gegen Abend haben sie mich ins Bad geholt und meine Schamhaare abrasiert. Das fand ich ganz schrecklich. Ich fragte, wann ich denn drankommen würde. Die Schwester sagte:
Am nächsten Tag kam ich so um zwei Uhr dran. Mir wurden rote Stützstrümpfe angezogen und ein Flügelhemd und ich bekam eine Spritze. Danach waren alle, die mir entgegenkamen, riesig groß. Sie haben mich in einen OP-Raum geschoben. Am Fenster standen Menschen mit verschränkten Armen und Mundschutz. Ich wurde auf einen Stuhl gelegt. Meine Beine waren auseinander. Ich guckte durch meine Beine und sah diese Menschen mit den verschränkten Armen und dem Mundschutz. Die haben über mich geredet. Ich hatte das Gefühl, die reden schlecht über mich. Obwohl ich noch nicht eingeschlafen war, haben sie mir die Beine und Arme mit Lederriemen festgezurrt. Eine Ärztin sagte: Sie schaffte es nicht. Sie hat zwei- oder dreimal gestochen. Es tat so weh, daß ich zu heulen anfing. Ich habe irgendwas gesagt wie: Die waren empört, haben auch etwas gesagt, aber dann war ich schon weg. Ich hatte noch das Gefühl, jetzt bin ich ihnen völlig ausgeliefert. Das fand ich richtig furchtbar. Die hatten alle Macht der Welt.
Als ich aufwachte, saß meine Freundin am Bett. Ich guckte unter die Bettdecke, da war alles blutig. Ich lag mit meinem Po und meinen Oberschenkeln in einer Blutlache. Mir war unheimlich schlecht. Meine Freundin holte die Schwester, und die sagte:
Ich hatte eigentlich nicht das Gefühl, etwas Schlimmes getan zu haben, aber ich sollte wohl bestraft werden. Dabei hatte ich doch alles. Ich hatte die notwendigen Bescheinigungen und wollte eigentlich nur einen Abbruch.»