Dr. Fiala

passend zum Thema:

Von: Gunnhild Fenia <fenia@sternenkind.info>
An: info@muvs.org, info@gynmed.at
Betreff: Fötensarg aus weißen Karton
Datum: 2009-11-27 16:43:00

Sehr geehrter Herr Dr. Fiala,

ich weiß nicht, ob Sie in ihrem Museum sich auch dem Thema widmen wollen, wie unterschiedlich man in den verschiedenen Kulturen mit den früh verstorbenen Kindern umgeht. Anbei der Hinweis auf Fötensärge aus weißen Karton.

MFG Gunnhild Fenia

PS: Die Selbsthilfegruppe Sternenkind.info www.sternenkind.info (Tel: 0650 5816497) betreut Angehörige/mitfühlende Freunde von verstorbenen Kindern z.B. in Kliniken. Bewusst betreut wird die Zeit vor dem Begräbnis, indem Informationen bereitgestellt werden und Besuche bei den Angehörigen/am Klinikbett oder Begleitung zum Bestatter, Begleitung beim Begräbnis ec. angeboten werden. Ziel ist die Umsetzung der Aktion "Allen Menschen ein Grab", welche Br. Klaus Schäfer SAC 2001 für D gegründet und der Verein Sonnenstrahl 2004 für Österreich übernommen hat. Die Selbsthilfegruppe Sternenkind.info ist ein Bestandteil des Wiener Verein Sonnenstrahl - Hilfe zur Selbsthilfe, ZVR: 102938320.

Dr. Fiala:

Von: Gynmed Ambulatorium <info@gynmed.at>
An: Gunnhild Fenia Tegenthoff <fenia@sternenkind.info>
Kopie: info@muvs.org
Betreff: Re: Fötensarg aus weißen Karton
Datum: 2009-11-29 15:59:00

Sehr geehrte Frau Tegenthoff,

vielen Dank für Ihr mail.

Sowohl im Gynmed Ambulatorium als auch im Museum setzten wir uns nicht mit Kindern auseinander*, sondern mit ungewollten Schwangerschaften. Heutzutage ungewollt schwangere Frauen kommen meist sehr früh in der Schwangerschaft, so dass meist lediglich ein Fruchsack sichtbar ist. Allenfalls ist bereits ein Embryo darstellbar.

Das ist jedoch kein 'Kind'. Ich darf Sie darauf hinweisen, dass sich der Begriff 'Kind' definitionsgemäß auf geborene 'Kinder' bezieht.

Insofern ist Ihre Erwähnung des Begriffes 'Kind' irreführend, bzw. falsch.

Sowohl für die öffentliche Diskussion, als auch im Gespräch mit betroffenen Frauen halte ich es für wichtig, Begriffe richtig zu verwenden.

Da wir uns im Gynmed Ambulatorium, sowie im Museum hauptsächlich Frauen mit einer ungewollten Schwangerschaft widmen, ist zu berücksichtigen, dass sich die Bedürfnisse dieser Frauen, insbesondere auch die psychische Verarbeitung ganz grundsätzlich von Frauen mit einer primär gewollten Schwangerschaft unterscheiden, deren Schwangerschaft entweder spontan abgeht oder aus medizinischen Gründen beendet wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Christian Fiala Gynmed Ambulatorium
Mariahilfergürtel 37
A-1150 Wien
Tel. 0699 178 178 00
www.gynmed.at
info@gynmed.at

Ps: * die einzige Ausnahme, wo Kinder im Museum vorkommen ist im Rahmen der Engelmacherin, bzw. des Kindsmordes, der etwa bis 1900 relativ häufig und von der Gesellschaft teilweise sogar organisiert war. Bis zu diesem Zeitpunkt war es für Frauen sicherer eine ungewollte Schwangerschaft auszutragen und das Kind dann zu einer 'Engelmacherin' in Pflege zu gegen. (Siehe auch der Film: Geschichten aus dem Wienerwald). Etwa ab 1900 wurden ungewollte Schwangerschaften vermehrt abgebrochen, was zu einem Rückgang an Kindsmorden geführt hat.

Reaktion von Gunnhild Fenia

Sehr geehrter Dr. Fiala

Herzlichen Dank für Ihre Reaktion.

Sie haben Recht: ungeborene Kinder werden im Bestattungsrecht Leibesfrüchte genannt, und Mediziner beschreiben ein ungeborenes Kind je nach Entwicklungsstand, z.B. die ersten 8 - 10 Wochen als Organogenese.

Anschließend ist der Körper eines Kindes fertig angelegt und braucht nur mehr zu wachsen. So sehe ich es, vielleicht liege ich damit falsch.

Sprache wirkt, Definitionen wirken - keine Frage. Füge ich den Text in meiner Webseite bei A wie Abtreibung oder S wie Schwangerschaftsabbruch ein, stellte ich mir selbst die Frage und entschied mich für S, denn die Wahrheit ist: es wird eine bestehende Schwangerschaft abgebrochen.

Jene, die persönlich keine Schwangerschaft empfangen haben, (es vielleicht nie können) tun sich leicht, medizinische Ausdrücke oder den im Bestattungsrecht angewandtem Begriff von Leibesfrucht zu verwenden. Alle meinen doch das gleiche: das ungeborene Kind.

Ich bewundere jene, die den Frauen dienen und deren Schwangerschaft auf Wunsch der Mutter beenden. Ich stehe dazu: Frauen haben 1000 gute Gründe, ihre Schwangerschaft zu beenden - angefangen von der Tatsache, das wir bis heute in einer Gesellschaft leben, wo das Aufziehen von Kindern Frauenlastig ist:

  • Bei gleicher Berufsausbildung erhalten Frauen geringere Gehälter und geringere berufliche Aufstiegschancen
  • wer bringt Kinder zum Kindergarten/ Volksschule: mehrheitlich Frauen
  • wer geht zu Elternabenden: mehrheitlich Frauen
  • wo leben die Kinder nach einer Scheidung: mehrheitlich bei Frauen

nächstes Manko: Alimente werden nicht an den Bedürfnissen der Kinder gemessen, sondern an der (geschätzten) Einkommenshöhe des Mannes.

Wäre das Aufziehen der eigenen Kindern gleichermassen wertgeschätzt gehandhabt durch die Gesellschaft wie unsere Gesellschaft dzt. mit Tagesmüttern, Kinderdorfmüttern, Pfegeeltern wertschätzend umgeht, würde sich vieles - ich gehe aus: zum besseren - ändern.

Mit dem Wort "ungewollte Schwangerschaft" tue ich persönlich mich schwer, denn wenn ich als Frau kein Kind empfangen will, habe ich mein Verhalten dem entsprechend auszurichten. Freilich: die Instrumentalisierung durch die tägliche Pilleneinnahme ist auch nicht mein Weg gewesen, um eine Schwangerschaft zu verhüten.

Ich bin selbst von einem Schwangerschaftsabbruch betroffen. Allerdings - und das macht einen sehr großen Unterschied - wurde ich zum Abbruch meines Kindes durch meine Eltern gezwungen. Das ging 1976 noch problemlos. Daher gestehe ich es mir und anderen Frauen zu, die in vergleichbarer Lage sich empfanden, das Sie von ihrem ungeborenen Kind sprechen/ schreiben und um dieses vorausgegangene Kind gezielt und bewußt trauern.

Daher noch einmal meine Frage an Sie, wären Sie bereit, auf das Vorhandensein von Fötensärgen z.B. aus Karton hinzuweisen oder Einladungen zu Gedenkfeiern aufzulegen, etwa aus Anlass des 15. Oktober oder des Worldwide Candle Lighting am 2. Sonntag im Dezember?

Ergänzend sei erwähnt, dass das Wiener Bestattungsrecht die Beerdigung aller greifbaren Leibesfrüchte verpflichtend vorschreibt, unabhängig von der Tatsache, ob das Kind in Verbindung mit einem Medizinischen Eingriff den Mutterleib verlassen hat oder nicht.

Im Wiener Bestattungsrecht lese ich auch, das Leibesfrüchte ab 120 mm Scheitel- Steißbein-Länge einer Totenbeschauung zugeführt werden müssen. Wie gehen Sie damit um? Aus der Feuerhalle Wien Simmering erhielt ich die Information, welche Kliniken Kinderleichen zum Begräbnis in der Gruppe 35b anliefern lassen. Wiener Abtreibungszentren gehören bislang nicht dazu.
Warum nicht?

Vielleicht können wir das als Anlass nehmen, das Thema Ware Mensch -  entnommen dem Buch "Geschäft Abtreibung" - mal näher zu betrachten? 

Auch hier gilt: ich bin grundsätzlich nicht dagegen, das man Kinderleichen verwendet! Doch knüpfe ich das an Bedingungen: das die Angehörigen davon vorher informiert werden und die Angehörigen sich frei für die Beerdigung vom Leichnam ihres Kindes oder zur Weiterverarbeitung in der Medizin sich entscheiden können.

MFG

Gunnhild Fenia 

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