Vertreibung der Sudetendeutschen
krone.at 2.4.2011
Vertreibung der Sudetendeutschen in später Vergangenheitsbewältigung
Suche nach Massengräbern bricht Tabus in Tschechien
Prag. - Lange hat man in Tschechien geschweigen über das, was in den Monaten der Anarchie und wilden Vertreibung der Sudentendeutschen nach dem zweiten Weltkrieg geschah. Zwei tschechische Journalisten suchen jetzt nach Augenzeugen, Tätern und unmarkierten Massengräbern.
Die Ermordung Tausender deutscher Zivilisten nach Ende des zweiten Weltkrieges ist auch nach mehr als 65 Jahren ein tabuthema in Tschechien. Die Journalisten David Vondracek und Pavel Polak haben Zivilcourage bewiesen und die Vertreibungsverbrechen in Radio und Fernsehen auf die Tagesordnung gesetzt.
Mit dem einstündigen Dokumentarfilm "Töten auf Tschechisch" durchbrach VOndracek im Mai 2010 eine mauer des Schweigens. Seinen neusten Film hat er in Anlehnung an ein Antikriegslied "Sag mir, wo die Toten sind" genannt.
In der Reprotage befasst sich Vondracek mit den unmarkierten Massengräbern, von denen es auf denen aus auf dem gebiet der Tschehischen Republik Dutzende, wenn nicht Hunderte, gibt. "Das ist das größte Tabu der tschechischen Geschichte", sagt der Filmemacher.
In den morgendlichen Hauptnachrichten des tschechischen Rundfunks berichtete sein Kollege Pavel Polak im Januar über eines der Massaker nach Kriegsende. "Ich glaube nicht, dass man das vor 10 Jahren so hätte machen können", sagt Polak. Er hatte erfahren, dass einer der letzten zeugen des massakers von Podborany (Podersam), bei dem im Juni 1945 bis zu 70 Menschen starben, in Bayern lebt.
Um dessen Aussage zu verifizieren, sprach der Journalist außerdem mit Einheimischen und studierte Unterlagen einer Kommission, die nach dem Krieg die größten Exzesse untersucht hatte. "Dann kamen die Kommunisten and die Macht, und die Arbeit dieser Kommision wurde eingestellt", erzählt Polak.
Heimlich wurden die größten Massengräber exhumiert, die Überreste weggebracht und verbrannt. Das geschah vermutlich auch in Podborany. "Man wußte 1947 noch, wo die Gräber sind." sagt Polak.
Letzte Zeitzeugen brechen das Schweigen
Nach verschwundenen Massengräbern wie diesem macht sich Vondracek in seiner einstündigen Fernsehdokumentation auf die Suche. Auch in der Hauptstadt prag soll es Massengräber geben. Vondracek besuchte einen heute in Österreich lebenden Vertriebenen, der nach dem Krieg in einem Kino im Prager Stadtteil Strasnice interniert worden war. Als 16 jähriger wurde der Mann Zeuge, wie Dutzende ältere Prager Deutsche ermordet wurden. Deren Leichname sollen in einem Bombenkrater nahe des Militärflughafens Kbely verscharrt worden sein.
Im Ganzen land wütenden in der Zeit nach dem Krieg selbsternannte Revolutiongardisten. Nach jahren der NS - Gewaltherschaft und Massakern an der Zivilbevölkerung sahen viele Tschechen die Bluttaten an Deutschen als gerechte Vergeltung.
Es herschte Anarchie, denn die Zentralregierung war schwach. "Die Menschen verhieleten sich wie Tiere", sagt Vondracek.
Nach den Dreharbeiten zu diesem Film ist sich Vobdraschek mehr denn je sicher: "Der Staat muss die Untersuchungen der Massengräber garantieren." Es gehe darum, zu beschreiben, was passiert ist, ein Kreuz aufzustellen und sich bei den Menschen zu entschuldigen.
Der Journalist macht sich mit seinen Forderungen nicht überall beliebt. Er hat auch schon Drohbriefe bekommen. "Aber lang nicht so viele wie früher", sagt Vondracek.
Der Filmemacher erhält mittlerweile aber auch Post von Leuten, die das Gewissen plagt. So erfuhr er von einer Frau aus Velvety bei Teplice (Tepliz), die kurz vor ihrem Tod im Alter von 95 Jahren ihren Sohn des Ort eines massengrabes beschrieb und ihn bat, dort eine Gedenktafel anzubringen. Und im benachbarten Bilina setzt sich mittlerweile eine Gruppe junger Leute für die Errichtung eines Mahnmals ein.